Berlin hat einen Vibe gewählt – und die Mitte braucht eine Antwort

Kurz zur Lage: Die Ränder gewinnen an Anziehungskraft, die demokratische Mitte verliert sie – und das nicht zuerst über Argumente, sondern über Stimmung. Die Berlin-Wahl hat das noch einmal sichtbar gemacht.
Denn Berlin hat nicht nur Sachfragen gewählt. Berlin hat einen „Vibe“ gewählt. Und die politische Mitte hat darauf noch keine überzeugende Antwort.
Dahinter steckt ein Muster, das die Markenwelt längst kennt. Der Kommunikationsstratege Bernhard Fischer-Appelt beschreibt es, gemeinsam mit Georg Dickmann, als „Vibe Shift“: Nicht allein Argumente entscheiden darüber, was Menschen erreicht. Sondern auch Atmosphäre, Gefühl und Resonanz. Verkürzt: Was wir fühlen, nicht was wir sagen, entscheidet.
Und das ist längst kein reines Marken-Phänomen – „Vibes“ wirken als kulturelle Kräfte, bis in die politische Stimmung hinein. Marken haben das verstanden. Die politischen Ränder auch. Die demokratische Mitte dagegen vertraut häufig noch darauf, dass das bessere Argument schon deshalb gewinnt, weil es das bessere Argument ist. Tut es nicht.
Der Journalist und Jurist Hendrik Wieduwilt, der beobachtet, wie Politik kommuniziert, nennt Berlin deshalb „Vibe City“. Ich lese das weniger als Urteil über die anderen – sondern als Herausforderung für die Mitte.
Der Vernunft wieder Resonanz geben
Die falsche Konsequenz wäre: Affekt statt Substanz. Stimmung statt Sacharbeit. Die richtige wäre: der Vernunft wieder Resonanz geben.
Und vielleicht beginnt das mit etwas ziemlich Unmodernem: Mut. Mut, unter Unsicherheit zu entscheiden, statt zu zaudern, bis die Lage entscheidet. Mut, spürbare Verbesserungen zu liefern statt der zehnten angekündigten „Entlastung“. Und Mut, nicht nur zu erklären, wogegen man ist – sondern eine Vorstellung davon zu vermitteln, wohin man eigentlich will. Und Mut, zu sagen, wofür die Mitte steht – nicht nur, welche Extreme sie verhindern will.
Über unsere wirtschaftliche Lage habe ich Ähnliches schon geschrieben: Unser Problem ist nicht die Analyse. Wir kennen viele der Instrumente. Und trotzdem fliegen wir weiter auf Sicht.
Hoffnung ist kein Monopol der politischen Ränder. Sie ist in der Mitte gerade nur erstaunlich unbesetzt. Wer hat den Mut, sie zu besetzen?